Aktuelles

17. September 2002

"Das vergessene Hochwasser"

Ein Text von Alois Reiter, einem Betroffenen aus dem Hochwassergebiet Ettenau.

Ettenau, 12. August 2002, 21 Uhr.

Während das Wasser über die Stiege zu unserer im 1. Stock gelegenen Wohnung klettert, im Halbstundentakt je eine Stufe nach der anderen überspülend, kommt in den oö. Lokalnachrichten die Meldung: „Praktisch alle Bezirke Oberösterreichs sind vom Hochwasser betroffen mit Ausnahme des Bezirks Braunau...“. Die Ettenau, eine Ortschaft der Marktgemeinde Ostermiething, liegt mitten im Bezirk Braunau – und um zwei Uhr Früh, 13. August 2002, stehen hier ca. 50 Häuser zum Teil bis zum 1. Stock unter Wasser.


Montag, 12. August 2002, Vormittag.


Seit der Früh sind Feuerwehrsirenen zu hören. Hektischer Verkehr auf der Straße, die parallel zum Damm 200 Meter vor unserem Haus verläuft. Ich bin allein zu Hause, gerade beim Frühstück. Es läutet. Es ist die Feuerwehr mit dem Evakuierungsbefehl.
Erste Reaktion: Ungläubiges Staunen, Realitätsverweigerung. „Der Damm wurde doch erst vor fünf Jahren neu errichtet. Ein 100-Millionen-Schilling-Projekt wird doch standhalten!“ Dann doch widerwillig aktiv werden, Traktor starten, eine Landmaschine nach der anderen anhängen, zum Berg fahren, abstellen. So vergeht der Vormittag. Zur Beruhigung etwas essen versuchen, kein Appetit, weiche Knie, flaues Gefühl im Bauch, wieder herumfragen bei Feuerwehrleuten, beim Bürgermeister, wie ernst ist die Sache, kommt das Wasser wirklich über den Damm? Niemand glaubt ernsthaft an eine größere Überschwemmung des Siedlungsgebietes – der Damm ist doch neu, höher als früher... Trotzdem weitermachen mit planlosem Wegräumen. Ich weiß nicht, wo anfangen, wo aufhören – absolute Unfähigkeit.

14 Uhr.

Ein halbes Dutzend Feuerwehrleute kommt auf den Hof. Es wird ernst. Den Staplerturm an den Hoftrac montieren, alle schweren Werkzeuge, Kreissäge, Hobelmaschine in den 1. Stock heben. Unter Zwang bleibe ich ruhig – eine falsche Bewegung am Hydraulikhebel und die 300 kg schwere Maschine kracht aus drei Metern zu Boden.

16 Uhr.

Können wir die Ziegen noch bis zum Melken hierlassen oder wird dann die Zeit zu knapp? Nach Rücksprache mit kompetenten Personen entscheide ich mich, noch bis zum Melken zu warten. Doch dann wird’s knapp: Um ca. 18 Uhr Ziegen verladen. Ich habe alles so gerichtet, dass sie gar nicht aus können. Vor der Stalltür steht der Ladewagen mit einer Rampe. Gemeinsam mit acht Feuerwehrleuten versuchen wir die Ziegen hinaufzutreiben. Vergeblich! Ein wirres Knäuel von 20 Ziegen steht und liegt übereinander vor der Rampe, bewegt sich keinen Zentimeter. Die, welche schon oben waren, kommen wieder herunter. Wir müssen jede Ziege einzeln einfangen und über die Rampe ziehen.
Dann – 40 Ziegen sind auf dem großen Ladewagen, kommen einige unten zu liegen, brüllen vor Angst und Atemnot. Ich versuche die unten liegenden, brüllenden Tiere herauszuziehen und merke, dass ich am Ende meiner Kräfte bin. Endlich auf dem Weg nach Ostermiething.
Der zweite Traktor, sonst kaum noch in Verwendung, jetzt mit den Böcken auf dem Anhänger hinter mir unterwegs, hat einen Lenkungsdefekt, kommt nur langsam voran. Nachdem wir die Ziegen im sechs Kilometer entfernten Ostermiething in einem leeren Stall untergebracht haben, fahren wir zurück in die Ettenau. Das Wasser reicht bereits über die Vorderräder des Traktors. Es ist viel zu riskant zum Hof zu fahren, denn wenn der Traktor von der inzwischen unsichtbaren Straße abkommt, ist er hin.
Wir waten zu Fuß zum Hof, das Pferd ist noch im Stall, die gute, alte Greti, bis zu den Knien im Wasser. Reitend, an den tiefsten Stellen bis zum Bauch im Wasser, erreichen wir das Festland. Die sonst stoisch ruhige Greti ist aufgebracht wie noch nie, reißt sämtliche Anbindehaken aus dem alten Gemäuer. Ich muss sie trotzdem alleine lassen, der Nachbar, der sie freundlicherweise aufnimmt, muss mit ihr zurechtkommen, denn ich muss zum Hof zurück, zu meiner Familie, aber wie? Einen halben Kilometer bis zum Bauch im Wasser – dazu fehlt mir die Kraft! Ich nehme den Traktor. Er geht bis über die Scheinwerfer ins Wasser, wenn jetzt das Licht ausgeht, komme ich von der Straße ab... Das Licht geht nicht aus, ich stelle den Traktor auf die höchste Stelle unseres Hofgeländes. Hier sieht man noch ein paar Grasbüschel aus dem Wasser lugen. Ein Rudel Rehe hat sich hier in Sicherheit gebracht. Sie bleiben hier, als ich den Traktor auf Armlänge an sie heranfahre. Vom Schwimmen geschwächt, haben sie keine Wahl. Dann erreiche ich, wieder durch das bauchhohe Wasser, unsere Wohnung im 1. Stock. Trockene Sachen anziehen, essen, versuchen etwas zu schlafen, dann die eingangs erwähnte Radiomeldung...

Ca. 22 Uhr.

Stromausfall, kein Trinkwasser mehr! Schlafen? Kurzes Einnicken, dann wieder Aufschrecken, ein Rumpeln aus der Käserei, dem Verkaufsraum, der Werkstatt. Was ist jetzt wieder ins Wasser gegangen? Einiges haben wir einfach nicht mehr geschafft wegzuräumen. Immer wieder schießt ein Gedanke ins Hirn – das ist jetzt auch noch kaputt und das auch...

Dienstag, 13. August 2002, 6 Uhr früh.

Die schlimme Nacht überstanden. Der erste Blick aus dem Fenster. Die Ettenau ist ein riesiger See, auf dem vertraute Gegenstände des täglichen Gebrauchs, eigenartig fremd wirkend, herumtreiben. Feuerwehrleute versorgen uns mit Trinkwasser. Auf dem holzbeheizten Küchenofen können wir auch ohne Strom unseren Frühstückstee kochen. Diesen Tag verbringe ich mit meinem Sohn bootfahrend, die Nachbarn besuchend, unser Hab und Gut sichtend, ungeübt mit dem Steckpaddel gegen den Wind ankämpfend. Es sollte für die nächsten zwei bis drei Wochen der letzte halbwegs ruhige Tag sein, der mir auch noch etwas Geduld im Umgang mit meinem Sohn überlässt. Nach der beklemmenden Angst von gestern genießt er jetzt wenigstens die schöneren Seiten des Hochwassers und auch bei uns stellt sich leichte Entspannung ein.

18 Uhr.

Am Nachmittag waren wir in Ostermiething Ziegen melken. Die Milch in den Futtertrog geschüttet. Den Ziegen hats geschmeckt! Recycling total. Jetzt kann ich erstmals mit den Stiefeln, ohne nasse Füße, die Räume im Erdgeschoß betreten. Umgestürzte Regale, Tische, die Waage im Verkaufsraum – alles wie bei einem Erdbeben durcheinander, übereinander, die Käselaibe vom Vortag. Und das ganze Durcheinander mit einer dicken Schlammschicht bedeckt. Der erste Gedanke: Hier fange ich nie wieder zu arbeiten an, ich schaffe das nicht mehr, alles verkaufen – wegziehen, aber wie? Wer kauft einen Hof im Hochwasser?

Mittwoch, 14. August 2002.

Mindestens 20 Menschen am Hof, Feuerwehrleute, Freunde, Bekannte. Die Straße verstopft mit Feuerwehrautos, Traktoren, Müllcontainerfahrzeugen. Wir müssen arbeiten, organisieren, den Leuten sagen, was sie tun sollen, es bleibt keine Zeit mehr zum Grübeln – das ist das Gute daran. Nur so kann man das überstehen – man kann endlich wieder etwas tun!
Die Helfer sind großartig, tüchtig, kompetent und zielstrebig. Feuerwehrleute und Menschen, mit denen man sonst kaum zu tun hat, die man nur vom Sehen her kennt, arbeiten hier, als ob sie noch nie etwas anderes getan hätten: Waschen den Boden, die Wände, die Einrichtung, misten die Ställe aus und stellen alles zum Trocknen auf.
Mehrere Lastwagencontainer unserer Habseligkeiten werden zu Sperrmüll (darunter auch vieles, was man sowieso schon lange wegwerfen wollte). So treibt die Arbeit einen vor sich her wie in Trance. Es geht erstaunlich gut.
Der Zusammenbruch kommt eine Woche später, als wir aus dem gröbsten Dreck heraus sind, etwas verschnaufen und dann sehen, dass unser Hof noch lange nicht so aussehen wird wie vor dem Hochwasser.

Jetzt, drei Wochen nach dem Ereignis, sehen wir wieder drüber.
Doch es wird nicht mehr so sein wie vorher. Die Sicherheit, die der neue Damm vermittelte, ist weg. Das Gefühl wird ein anderes sein, wenn wieder ein starker Regen kommt, wenn sich der Damm zu füllen beginnt....

Aber auch wir haben uns verändert. Unser Verhältnis zu den Menschen ist ein anderes und unsere Möglichkeiten schätzen wir anders ein. Wir haben erfahren, dass wir mit der Natur rechnen müssen, gewusst haben wir es auch schon vorher, aber jetzt hat dieses Wissen eine andere Qualität.

Alois Reiter

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